Von dpa-Korrespondent Martin Oversohl
Die braun gebrannten Unterschenkel sind übersät von einem wirren Strichmuster aus Narben. Ein bisschen stolz streicht der Mann über die eine oder andere verheilte Wunde, kramt in seinen Erinnerungen und erzählt die Geschichten, die er damit verbindet: Ratten- und Schlangenbisse hier, Blutegel aus den mannshohen Mangroven und Moskitostiche dort. "Der Schuldienst in Deutschland war gefährlicher", scherzt Jürgen Zimmerer, zückt seine Machete und bahnt sich schlagend ein paar Meter weiter durch das grüne Dickicht der malaysischen Insel Langkawi. In dem exotischen Strand-Paradies hat der beurlaubte Englisch- und Deutschlehrer aus Tuttlingen vor zehn Jahren eine neue Heimat als Dschungelführer und Naturexperte gefunden.
Kobras statt Klassenzimmer, Palmblätter statt Pausenbrot: Der krasse Tapetenwechsel kam für Zimmerer keineswegs geplant: "Ich wurde auf der Insel von einem Bekannten angesprochen wegen eines Jobs als Hoteldirektor, musste mich über Nacht entscheiden und habe zugesagt." Zuvor hatte Zimmerer sein Geld teilweise als Tennistrainer und mit der Reparatur von Mountainbikes verdient. Aus dem Hotel hinaus zog es den 46-Jährigen danach in die Mangrovensümpfe des Inselarchipels. "Im Ausland muss man als Fremder die Nischen besetzen und etwas tun, was die Einheimischen nicht können", erklärt er.
Auch sein Temperament musste Zimmerer reichlich umstellen, um in der neuen Welt Fuss zu fassen. "Ich war Choleriker", sagt er. "Aber damit blamiert man sich hier nur." Für seine malaysische Liebe und heutige Ehefrau wechselte er zudem den Glauben und ist nun - zumindest offiziell - Moslem. Und weil die wichtigen Bootsführer die englische Sprache weder verstehen noch sprechen, hat Zimmerer auch Malai gelernt. Heute besitzt er nach eigenen Angaben als einer von nur zwei Ausländern in Malaysia eine Lizenz zur Reiseleitung in dem asiatischen Land.
Wenn er seine Touristen nicht gerade durch geheimnisvolle Höhlen, zerklüftete Felswüsten, kilometerlange Flusslabyrinthe oder zu verlassenen Köhlerhütten führt, schaut Zimmerer seinen Reisenden tief in die Augen: Hypnose-Therapie und Neuro-Linguistisches Programmieren nennt der Tuttlinger seine Methode, Patienten von Glimmstängeln, Fressattacken, Kaufsucht oder Allergien zu befreien.
Lang ist die Liste dessen, was Zimmerer in der exotisch-romantischen Inselwelt Nord-Malaysias noch auf die Beine stellen will. "Sobald man sich hinsetzt, ist man tot", beschwört er seine Gäste. Die Lizenz für ein Insel-Magazin besitzt er bereits und für den kommenden Marathon-Wettbewerb "Iron Man" trainiert er nebenbei.
In diesen Wochen führt Zimmerer zudem sein bislang grösstes Projekt durch: eine Trekkingtour zu neuen Aussichtsplattformen in den Baumkronen des Langkawi- Dschungels. Dort oben, wo es fremd heult, raschelt und wispert, wo es feucht und modrig riecht, brechen die Sonnenstrahlen wie Fächer durch das Blätterdach. Kleinen Touristengruppen will der Langkawi- Schwabe damit einen ungewöhnlichen Blick auf die Natur seiner Wahlheimat gewähren, verbunden natürlich mit der Prise Abenteuer.
Zimmerers nächstes Ziel: der Bau einer internationalen Schule auf Langkawi. "In solche Ecken kriegt man Hoteldirektoren mit ihren Familien nur, wenn die Kinder ein Bildungsangebot erhalten", meint der schwäbische Lehrer "ausser Dienst". "Da schliesst sich dann der Kreis."
Internet: Jürgen Zimmerer: www.emmes.net/langkawi-natur
|